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Rumänienreise Agrofutura 2000 - Grossraubwild und Landwirtschaft

Warum nach Rumänien?

In keinem Land Europas leben Bären, Wölfe und Luchse in so grosser Dichte wie in Rumänien. Mehr als 5'000 Bären, rund 2'500 Wölfe und 1'500 Luchse durchstreifen die riesigen Wälder der rumänischen Karpaten. Sie leben nicht in einsamen, unbewohnten Gebieten, sondern in einer Gebirgsregion, die ähnlichBergbetrieb den Alpen land- und forstwirtschaftlich genutzt wird. Die Sömmerung von Schafen, Ziegen, Rindern und Kühen in Gebieten mit hohen Grossraubwildbeständen führt zwangsläufig zu Konflikten zwischen Landwirtschaft und Raubwild, wie wir sie in neuester Zeit aus dem Wallis und anderen Gebieten der westlichen Schweizer Alpen kennen. Wie werden in Rumänien grössere Schäden an Vieh durch Grossraubwild verhindert?

Die Bauern und Hirten in den Karpaten haben den Umgang mit dem Grossraubwild nie verlernt und lieferten uns lebendiges Anschauungsmaterial, wie wirksame Herdenschutzmassnahmen gegen Bären, Wölfe und Luchse aussehen können. Doch wie lässt sich das rumänische Herdenschutzmodell auf die Schweiz übertragen? Mit dieser und weiteren Fragen konnten sich die Reiseteilnehmer eingehend auseinandersetzen. Daneben haben die Studienreisenden viel über Verhalten und Ökologie von Bären, Wölfen und Luchsen erfahren und einen vertieften Einblick in die rumänische Alpwirtschaft, Landwirtschaft und Viehhaltung erhalten.


"The Carpathian Large Carnivore Project" gemeinsame Zukunft von Viehhaltung und Grossraubwild

Ein Ziel unserer Reise war das "Carpathian Large Carnivore Project" in Zarnesti bei Brasov, das die Wildbiologische Gesellschaft München e. V. unter der Leitung von Christoph Promberger und in Zusammenarbeit mit rumänischen Instituten und Behörden durchführt. Zarnesti liegt am Nordrand der Südkarpaten, am Fuss des imposanten Felsmassivs der Piatra Craiului (Königstein).

SpurensucheZiel des Projektes ist, Wege zu finden, wie Menschen und Grossraubtiere auch künftig nebeneinander leben können. Bären, Wölfe und Luchse müssen nicht nur als Schadenstifter wahrgenommen werden, sie können auch Geld einbringen. Öko-Tourismus heisst das Stichwort dazu. Christoph Promberger und seine Crew haben seit Mitte der 90er Jahre in Zarnesti und Umgebung einen stetig wachsenden Naturtourismus aufgezogen, der immer mehr Menschen vornehmlich aus westeuropäischen Ländern auf den Spuren von Bär, Wolf und Luchs in die Karpaten bringt und der lokalen Bevölkerung zusätzliche Einkünfte ermöglicht.



Basis des Projektes aber ist die Erforschung von Ökologie und Verhalten von Bär, Wolf und Luchs, sowie detaillierte Studien zu den Schäden, welche die drei Grossräuber an Schafen und anderem Vieh anrichten. Wie gross sind die Verluste an Vieh durch Grossräuber? Welche Herdenschutzmassnahmen sind besonders effektiv? Welche Sömmerungsweiden sind besonders stark von Grossräubern betroffen? Das sind nur einige Fragen, die im Rahmen des Projektes bearbeitet werden.


Zäune, Herdenschutzhunde und Hirten keine Chance für den Luchs

Wo Bären, Wölfe und Luchse in so grosser Dichte vorkommen wie in den rumänischen Karpaten, sind gute Herdenschutzmassnahmen unerlässlich für ein erfolgreiches Sömmern des Viehs. Wie in keinem anderen europäischen Land haben sich deshalb hier die traditionellen Herdenschutzmassnahmen erhalten. Im Wesentlichen tragen drei Schutzmassnahmen dazu bei, den Verlust an Vieh durch Raubwild klein zu halten:

Schafalp

  • Das Vieh wird behirtet und nie unbeaufsichtigt gelassen.
  • Die Herden werden von mehreren grossen, erfahrenen Herdenschutzhunden begleitet.
  • Nachts wird das Vieh eingepfercht, und die Herdenschutzhunde (und oft auch die Hirten) schlafen um den Koral herum.

Mit diesen Methoden sind auch in raubwildreichen Gebieten die Verluste an Schafen viel kleiner als in raubwildfreien Gegenden in der Schweiz, wo die Schafe mehr oder weniger unbeaufsichtigt weiden. Luchse haben überhaupt keine Chance, Vieh zu erbeuten. Lediglich Bären und vor allem Wölfen gelingt es gelegentlich, ein Schaf oder ein Rind zu reissen.

Neben den Herdenschutzmassnahmen lernten die ReiseteilnehmerInnen auch das aktuelle Leben auf der Alp kennen, welches sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert hat. Die Älpler leben in einfachster Infrastruktur, welche oft jedes Jahr an einem anderen Ort neu aufgebaut wird. Die Beweidung erfolgt recht intensiv. Die Schafe werden dreimal täglich von Hand gemolken und die Milch sofort zu einem sehr einfachen, schlecht lagerfähigen Käse verarbeitet. Tägliches Alpmenü für die Hirten sind gegrillte Polentakugeln, die mit frischem Käse gefüllt sind und uns Besuchenden fast ebenso gut schmeckten wie den Hirtenhunden. Alppersonal ist einfach zu rekrutieren, für viele ist der Alpsommer die einzige Lohnarbeit.


Landwirtschaft vor grossen Herausforderungen

In der besuchten Region in Siebenbürgen arbeiten immer noch mehr als 30% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Die weitverbreiteten Selbstversorgerbetriebe mit ein oder zwei Kühen und vielleicht einer Hektare Land gehören dabei gemäss regionalem Berater gar nicht zur Landwirtschaft. Wir besuchten drei Landwirtschaftsbetriebe. Im riesigen Staatsbetrieb, wie überall in Osteuropa ein Auslaufmodell, waren die logistischen und personellen Probleme sehr offensichtlich. Es erstaunte nicht, dass uns der Betrieb zum Kauf angeboten wurde. Der mittelgrosse und der grosse Privatbetrieb scheinen demgegenüber die besseren Zukunftsperspektiven zu haben, vor allem auch wegen der dynamischen Betriebsleiterfamilien. Alles in allem steht die Landwirtschaft in Siebenbürgen vor grossen Herausforderungen, und wohl das grösste Problem besteht im fehlenden oder schlechten Zugang zu Krediten, um Investitionen in Landkauf, Gebäudesanierungen und Mechanisierung zu tätigen. Die vier Jahrzehnte Kommunismus mit dem Abzug einer ganzen Generation in die Schwerindustrie und der Entfremdung der ehemaligen Bauern durch den Aufbau der industriellen Landwirtschaft haben auch dazu geführt, dass es kaum mehr Bauern in unserem Sinne gibt.


Bären am Stadtrand die "Müllbären" von Brasov

Eine besondere, aber nicht unproblematische "Attraktion" bietet Brasov (Kronstadt): Wo Wohnblocks bis direkt an den Waldrand gebaut worden sind, kommen nachts Bären aus dem Wald, um in Abfallcontainern nach Nahrung zu suchen. Regelmässig sind auch Junge führende Weibchen darunter. Dabei zeigen die Tiere kaum Scheu und halten sich oft nur wenige Meter von Menschen entfernt auf. Es erstaunt nicht, dass es oft zu kritischen Situationen kommt, und es grenzt an ein Wunder, dass bisher noch kaum ernsthafte Zwischenfälle vorgekommen sind. Doch die Anwohner lieben "ihre" Bären und verhindern immer wieder Aktionen, um die Bären von der Stadt fernzuhalten.

BärÜberhaupt fällt auf, dass die rumänische Bevölkerung ein sehr entkrampftes Verhältnis zum Grossraubwild hat im Gegensatz zu Leuten in Gebieten, wo Bären und Wölfe längst ausgerottet worden sind. Vor Wölfen fürchtet sich in Rumänien niemand (tatsächlich sind wilde Wölfe für den Menschen ebenso harmlos wie Feldhasen). Auch Bären sind nicht gefährlich, wenn man ihnen mit dem nötigen Respekt begegnet. Unfälle mit Bären, wie sie in Rumänien fast alljährlich vorkommen, sind denn auch praktisch immer auf ein grobes Fehlverhalten des Menschen zurückzuführen. Als Beispiel sei jene Bäuerin erwähnt, die einem Bären, der ihren Apfelbaum zu plündern versuchte, mit einem Besen auf den Kopf schlug vorauf dieser prompt angriff und die Frau schwer verletzte. Nach ihrer Genesung meinte sie, es sei halt ein anderer Bär gewesen als sonst, denn normalerweise seien die Bären nach ihrer "Besenbehandlung" immer geflüchtet...


Wölfe unbemerkt in der Grossstadt auf Nahrungssuche

Wölfe sind ausserordentlich scheu und in freier Natur kaum zu beobachten. Umso erstaunter waren die Forscher des "Carpathian Large Carnivore Project", als sie bei einer mit Senderhalsband ausgerüsteten Wölfin feststellten, dass ihre nächtlichen Streifzüge regelmässig quer durch die Stadt Brasov führten. Die Forscher konnten beobachten, wie sie sich sicher durch den nächtlichen Verkehr bewegte, und manchmal erst während der morgendlichen "rush hour" mitten durch die Leute hindurch zu ihrer Höhle zurückging. Niemand aus der Bevölkerung nahm den Wolf zur Kenntnis alle hielten ihn offenbar für einen streunenden Hund. Die Bilder von Timish, wie die Stadtwölfin von den Forschern genannt wurde, sind unterdessen von zahlreichen Fernsehstationen rund um den Globus ausgestrahlt worden. Vielleicht helfen sie mit, das Image des Wolfes als gefährliche und blutrünstige Bestie zu korrigieren.

WolfOb Timish noch lebt und wo sie sich heute aufhält, weiss niemand: Ihr Sender ist irgendwann ausgefallen, und seither fehlt ihre Spur. Die Höhle oberhalb Brasov, wo sie ihre Jungen grossgezogen hat, steht heute leer eine einmalige Gelegenheit für unsere Reiseteilnehmer, selbst in eine Wolfshöhle kriechen zu können und sich im erstaunlich geräumigen Wohnkessel umzuschauen.







Siebenbürgen Sachsen und Graf Dracula Geschichte und Legende

Rosenau Wohl kein Reisender in Transsylvanien kommt darum herum, das Schloss der weltberühmten Legende Graf Dracula zu besichtigen. Historisch weit interessanter aber sind die zahlreichen Zeugnisse der 850-jährigen Besiedlung Siebenbürgens durch Deutsche, die als Siebenbürger Sachsen bezeichnet werden. Als östlicher Vorposten der mitteleuropäischen Kultur war Siebenbürgen immer wieder Schauplatz von Tatareneinfällen sowie Belagerungen und Eroberungen durch das Osmanische Reich. Mit eindrücklichen und in ihrer Art einmaligen Wehranlagen versuchten die Siebenbürger Sachsen, sich vor den Überfällen zu schützen. Zu den schönsten und berühmtesten Zeugnissen aus dieser Zeit gehören die Bauernburg von Rosenau und die Kirchenburg von Prejmer, die beide auf dem Besichtigungsprogramm eines Kulturtages standen.

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Letzte Änderung: 27. August 2003