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Studienreise nach Polen
Wisente, Wölfe und Otter waren auch bei uns einmal heimisch

Die Kulturlandschaft Nordostpolens als Referenzgrösse für eine ökologisierte Schweiz?
Dr. Willy Schmid und Patrik Wiedemeier

Warum nach Polen?

Im Juni 1998 führte die SHL, Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft Zollikofen, zusammen mit der Agrofutura erstmals eine Studienreise nach Polen durch. 25 Interessierte erlebten neun spannende Tage in Polen mit fachkundigen lokalen Experten. Ziel war der Nordosten des Landes, das Grenzgebiet zu Weissrussland. Die Polen seien eigensinnige Leute, hört man. Dieser Eigensinn hat sie davor bewahrt, sich wie andere osteuropäische Länder dem Kollektivierungsdruck in der Landwirtschaft zu beugen, auch wenn sie dadurch grosse ökonomisch Entbehrungen in Kauf nehmen mussten. So blieb in vielen Gebieten Polens das Kleinbauerntum und damit auch eine vielfältige, kleinräumig strukturierte Kulturlandschaft erhalten. Die vergangene kommunistische Wirtschaftspolitik hat zwar einerseits Industrieregionen mit den schlimmsten Umweltzerstörungen geschaffen, andererseits verharrten aber ganze Regionen in einem urtümlichen Zustand, der seit der Wende 1989/90, spätestens aber jetzt mit den EU-Visionen des Landes zu Ende gehen dürfte. Der Nordosten Polens, die Täler von Biebrza und Narew, können uns heute noch eine Landschaft und ein Leben vor Augen führen, das wir in der Schweiz vor einigen Jahrzehnten ansatzweise noch kannten. Wie lange noch?


Eine Zeitreise

In der Schweiz fehlt den Diskussionen um den ökologischen Ausgleich in der Landwirtschaft die Möglichkeit zur Anschauung von Referenzzuständen. Dicht besiedelt, schon seit einiger Zeit "durchmelioriert" und intensiv bewirtschaftet, können wir Naturlandschaften kaum mehr erleben, und auch artenreiche, extensiv bewirtschaftete Kulturlandschaften gehören der Vergangenheit an.
Bauernhof in Polen
Polen kann uns eine Zeitreise ermöglichen: beim Lebensstil um einige Jahrzehnte, bezüglich Pflanzen- und Tierwelt noch viel weiter zurück.
Hand aufs Herz, wer weiss, dass Biber und Otter auch bei uns einmal weit verbreitet waren, dass nicht nur die Feldlerche viel häufiger war, sondern auch Braunkehlchen, Wiedehopf und Kiebitz, dass sogar Wisente, Elche und Wölfe unsere Region einmal besiedelt haben? Polen kann uns eine Zeitreise ermöglichen.


Mitteleuropäisches Klima mit kontinentalem Einschlag

Das Klima in Nordostpolen ist vergleichbar mit dem unseren, aber kontinental geprägt. Warme Sommer, kalte Winter und geringe Niederschlagsmengen sind charakteristisch. Die Sommertemperaturen sind ähnlich wie im Schweizer Mittelland, die Winter dagegen merklich kälter und länger. Das Gebiet gehört demselben klimatischen Grossraum an wie die Schweiz, ein guter Teil der Pflanzen- und Tierarten Nordostpolens sind auch bei uns heimisch. Die bei uns dominante Buche fehlt, dafür treten – je nach Bodenverhältnissen – vor allem Eichen, Linden, Hagebuchen und Fichten an ihre Stelle. Die Fauna Nordostpolens ist ausserordentlich reich. Neben den Arten des mitteleuropäischen Flachlandes, die auch bei uns vorkommen oder vorkamen, finden wir auch Tiere Nord- und Osteuropas – zum Beispiel den Kranich, die Doppelschnepfe oder den Seggenrohrsänger.
Es dominieren leichte, sandige Böden, entsprechend sind Kulturen wie Roggen, Kartoffeln und Lupinen weit verbreitet. In den letzten Jahren hat ein grösserer Mechanisierungsschub stattgefunden. Die pferdegezogenen Fuhrwerke und Maschinen sind stark zurückgegangen, oft auch deshalb, weil Familienangehörige, welche z.B. in die USA ausgewandert sind, einen Traktor zu finanzieren halfen.

Bialowieza: letzter Tieflandurwald Europas

Die Annäherung an unsere Hauptfrage, nämlich wie die Landbewirtschaftung die biologische Vielfalt der wildlebenden Pflanzen und Tiere beeinflusst, begann im weltberühmten Urwald von Bialowieza, dem letzten Rest des ursprünglichen mitteleuropäischen Tieflandurwaldes. Die Lebensräume und Arten sind hier vergleichbar mit dem, was im Schweizer Mittelland bis vor rund 1000 Jahren vorhanden war. Er erstreckt sich auf einer Fläche von 1500 km2 über Nordostpolen und Weissrussland. Dank seiner besonderen Geschichte und der schwierigen Zugänglichkeit blieb er als intakter Urwald erhalten. Er wurde bereits 1921 zum Nationalpark Bialowieski Park Narodowy erklärt.

Der Artenreichtum im Urwald ist bemerkenswert: Rund 1000 Arten von Gefässpflanzen, 1000 Schmetterlings-, 250 Vogel- und 62 Säugetierarten kommen hier vor. Zu den bemerkenswertesten Brutvögeln gehören der Kranich, das Auerwild, Uhu und Bartkauz, sowie nicht weniger als 5 Adlerarten. Unter den Säugetieren finden wir Wolf, Luchs, Fischotter, Biber und Elch. Seine grösste Berühmtheit erlangte der Urwald von Bialowieza aber durch den Wisent: Dieses grösste europäische Landsäugetier, das bis vor 1000 Jahren auch im Schweizer Mittelland vorkam, hat hier am längsten in Freiheit überlebt. Unsere Begegnung mit diesem urtümlichen Wildrind im Urwald von Bialowieza gehörte zu den eindrücklichsten Erlebnissen unserer Reise. Tieflandurwald
Wald, wie er vor rund 1000 Jahren im Schweizer Mittelland noch vorkam; sogar der Wisent, das grösste europäische Landsäugetier, ist hier zu Hause.

Biebrza-Sümpfe: das grösste Feuchtgebiet Mitteleuropas

Die zweite "Ur-Landschaft", welche wir näher kennenlernten, die Flusstäler von Narew und Biebrza, sind bereits etwas beeinflusst durch menschliches Wirken. Sie sind geprägt durch Sümpfe, riesige Überschwemmungsflächen und Bruchwälder. Die Biebrza überflutet jedes Jahr im April ein Gebiet von rund 400 km
2. Im Verlauf des Frühlings und Sommers sinkt das Wasser wieder allmählich, und im Juli oder August kann in den vorher überschwemmten Flächen geheut oder geweidet werden.

Feuchtwiese
Immer mehr Feuchtwiesen und Streueflächen verbuschen. Elche sind zu selten, um den Sukzessionsprozess zu verhindern. Die Erhaltung der Artenvielfalt ist von einer traditionellen Bewirtschaftung abhängig.
Vegetation und Fauna sind auch in diesem Gebiet ausserordentlich reich: Biber, Fischotter, Elche und Wölfe finden sich hier ebenso wie Schwarzstörche, Rohrdommeln, Kraniche, Uhus, 5 Seeschwalben- und 6 Adlerarten. Neben Elchen, Rothirschen und Bibern bekamen wir zahlreiche typische Brutvögel des Gebietes zu Gesicht, so Schwarzstörche, balzende Doppelschnepfen und sogar den äusserst versteckt lebenden Wachtelkönig.


Um diese Naturwerte dauerhaft erhalten zu können, wurde ein Gebiet von 600 km2 zum Nationalpark erklärt. Anders als in Bialowieza, wo es um die Erhaltung einer Naturlandschaft geht, stellt ein Grossteil des Biebrza-Tales aber traditionelles Kulturland dar. Die Erhaltung der gegenwärtigen Artenvielfalt im Biebrza-Nationalpark ist also direkt abhängig von der traditionellen Bewirtschaftung. Heute werden aber immer mehr Wiesen und Streuflächen nicht mehr bewirtschaftet und verbuschen zusehends. Elche, die mit Vorliebe Junggehölze fressen und den Sukzessionsprozess aufhalten oder zumindest abschwächen könnten, sind zu selten, um eine Verbuschung zu verhindern.


Landnutzung: Milchwirtschaft im Zentrum

Die Landwirtschaftsbetriebe der besuchten Region Lomza sind im Durchschnitt 13,7 ha gross (Polen 7,9 ha, Schweiz 13,6 ha). Rund 70% der Landwirtschaftsfläche ist unter dem Pflug, davon werden fast drei Viertel mit Getreide bepflanzt mit Durchschnittserträgen von gut 25 dt/ha (Schweiz ca. 60 dt/ha). Die Milchproduktion steht im Zentrum (Lomza: 0,63 RGVE=Rinder-Grossvieheinheiten pro ha, Durchschnitt Polen: 0,39 RGVE pro ha). Pro Betrieb hat es im Durchschnitt 6,5 Rinder-GVE, 10 Schweine und 15 Hühner. Der bisher schon geringe Dünger- und Pestizideinsatz hat in den letzten Jahren aus Kostengründen noch abgenommen.

Keine staatlichen Zahlungen an die Landwirtschaft

Wir lernten vier Landwirtschaftsbetriebe näher kennen, von 9 ha-Betrieben ohne und mit Zuerwerb über einen 20 ha-Betrieb mit "Ferien auf dem Bauernhof" bis hin zu einem vielseitigen 40 ha-Betrieb. Der Lebensstandard der polnischen Bauern ist im allgemeinen viel tiefer als bei uns. Die Landwirtschaft funktioniert ohne direkte Staatsbeiträge. Einzig Bereiche wie die Beratung und je nach politischem Wind zinsgünstige Kredite lösen Staatsgelder aus. Der Milcherlös als Haupteinnahmensquelle der meisten Betriebe hängt einerseits von den Vermarktungsmöglichkeiten der Milchverwerter ab, andererseits spielt die Milchqualität eine sehr grosse Rolle. Der Milchprodukteexport in die EU ist seit letztem Herbst unterbunden wegen mangelnder Qualität. Für qualitativ gute Milch kann ein Preis von 50 Rappen pro Liter gelöst werden. Damit kann heute offenbar bereits ein Kleinbetrieb einigermassen leben.

Zurzeit wachsen die Märkte für Milchprodukte, ein Effekt des wirtschaftlichen Aufschwunges. Wir konnten eine grosse, sehr innovative Käserei in Lomza besuchen, welche in den letzten Jahren mit Schweizer Unterstützung aufgebaut wurde. Diese deckt seit kurzem einen grossen Teil der polnischen Cottege-Cheese-Produktion ab. Hauptproblem ist die Qualitätssicherung des Rohstoffes Milch, was nur mit modernen Produktionsmethoden erreicht werden kann.


Ist moderne Landwirtschaft mit grosser Artenvielfalt vereinbar?

Nicht nur die ausgedehnten Urwälder und Nationalparks Nordostpolens, sondern auch das Kulturland weist einen Artenreichtum auf, wie er sonst in Mitteleuropa kaum mehr zu finden ist. Entscheidend dafür sind sicher die sehr geringe Bevölkerungsdichte, die ausgedehnten, fast unberührten Naturgebiete sowie die grossflächig eher extensive Landwirtschaft, welche sowohl die Bewirtschaftung der Klein- als auch der grösseren Betriebe prägen.
Überall zwischen den intensiv genutzten Flächen gibt es kleinere und grössere, sehr extensiv oder gar nicht genutzte Bereiche, die seit jeher die Rolle von "Ökologischen Ausgleichsflächen" gespielt haben. Den ausgedehnten Natur- und naturnahen Kulturlandschaften kann eine 'hot spot'-Funktion zukommen: Solche optimalen Habitate produzieren einen Überschuss an Individuen, die sich in suboptimalen Habitaten, z.B. in den Landwirtschaftsflächen, niederlassen. polnische Landwirtschaft
Die polnische Landwirtschaft steht vor grossen Umstellungen, wenn sie europatauglich werden will. Wie gross wird der Preis, den die Natur zu bezahlen haben wird?

Der andere Umgang mit "Ordnung", sei es ums Haus oder auf dem Feld, und fehlendes Geld für Meliorationen und Versiegelungen aller Flächen haben sehr viele Lebensräume erhalten, welche bei uns seit langem fehlen.


Landwirtschaft und Artenvielfalt zunehmend unter Druck

Die polnische Landwirtschaft steht vor einer grossen Umstellung, wenn sie europatauglich werden und insbesondere der grosse Anteil an Kleinbetrieben der insgesamt 2 Millionen polnischen Betriebe europäische Qualitätsstandards erreichen will. Eine bewusste Integration von Naturschutzbestrebungen in die landwirtschaftlichen Betriebe gibt es kaum. Wie bei uns lässt sich z.B. die geringe Futterqualität von ehemaligen feuchten Futterwiesen nicht mehr mit den heutigen Ansprüchen der Kühe mit über 4000 kg Milchleistung pro Jahr vereinbaren, und ohne Mechanisierung kann das Land nicht effizient und wirtschaftlich genutzt werden. Werden die zahlreichen naturnahen Kleinlebensräume in den Landwirtschaftsflächen diesen Umstellungsprozess überstehen und ihren Artenreichtum behalten können? Der enorme Druck auf die Produktionskosten verbunden mit dem unausweichlichen, im Gegensatz zur Schweiz nicht abgepufferten Strukturwandel dürften künftig der artenreichen Kulturlandschaft sicher zusetzen. Der Tourismus, der einen wichtigen Beitrag zur Gesundung der Wirtschaft wird leisten können, wird das Bewusstsein für die Naturschätze, welche er vermarkten will, sicher fördern. Zudem wird davon ausgegangen, dass die EU hohe Eintrittsforderungen für das Land bezüglich Umweltschutz stellen wird. Inwieweit dies auch für den Naturschutz gelten wird, ist noch offen. Polen wird jedenfalls auch in Zukunft für verschiedenste Fragestellungen interessanten Anschauungsunterricht bieten können.

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Letzte Änderung: 27. August 2003