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Bio
als Chance nach den Sowjets

Erschienen im bio aktuell vom März 2003
Dr. Willy Schmid, Projekte Ökologie Landwirtschaft, Schinznach-Dorf

In Estland müssen sich nach dem Rückzug der Sowjetlandwirtschaft neue Strukturen bilden. Der Biolandbau hat starken Zuwachs und könnte dabei eine Chance sein. Zum Beispiel unter Einbezug von Ökotourismus.

Estland, der nördlichste der drei baltischen Staaten, ist so gross wie die Schweiz, hat aber nur 1.4 Mio. Einwohner. Die Landwirtschaft kämpft mit den üblichen Problemen, welche die Sowjetunion sich selbst und ihren ehemaligen Untertanen bescherte: Der Bauernstand wurde zerstört. Der Übergang von der staatlichen zur privaten Landwirtschaft ist anforderungsreich. Fehlendes landwirtschaftliches Know-how und Unsicherheiten über die Rechtssituation sind wichtige Gründe dafür, dass zurzeit mehr als ein Viertel des Landwirtschaftslandes brach liegt.

Die Wirtschaft Estland prosperiert recht gut. Für die Landwirtschaft bedeutet das im Moment noch nicht viel Gutes. Der Anteil der Landwirtschaft ist wie in Industrieländern bereits sehr gering: 5.6% der Einwohner, 3% des Bruttosozialproduktes. Aber der Bedarf an Fleisch und Milchprodukten ist am Steigen, erste Anzeichen eines Wandels. 

Extensive Waldweide in Estland: Die grosse Biodiversität könnte in Kombination mit Biolandbau zu neuem Einkommen führen.


Biolandbau in Randgebieten am Etablieren

Nach der Unabhängigkeit anfangs der 1990er Jahre hatte die estnische Landwirtschaft einen starken Einbruch erlitten. In diese Zeit fallen die ersten Annäherungen an den Biolandbau. Einige Bauern konnten einen halbjährigen Kurs in Finnland, Schweden oder Deutschland machen. Die Anzahl Biobauern blieb noch sehr klein. 1998 wurde ein staatlich anerkanntes Bio-Label eingeführt. Im Hinblick auf die EU-Eingliederung folgten dann nächste Schritte. Ende 1999 waren es rund 100 Biobauern, ein Jahr später bereits 230. Aktuell dürften es gegen 500 sein, welche 2-3% der Landwirtschaftlichen Nutzfläche Estlands biologisch bewirtschaften.

Der Biolandbau wurde vor allem über das nicht-staatliche Centre for Ecological Engineering, welches mit Schweizer Hilfe 1992 gegründet worden war, gefördert und begleitet. Merit Mikk, Bioberaterin und engagierte Mitarbeiterin dieser Organisation, erklärt, der Biolandbau habe vor allem in Gebieten mit bisher eher extensiver Bewirtschaftung Fuss fassen können. 


Produktion allein reicht nicht

Der Biobetrieb von Agu Holgo und Helgi Saar liegt in Uue Saaluse, rund 15 km südöstlich von Vöru im Süden Estlands. Mit 36 Hektaren ist er grösser als das statistische Mittel der Betriebe (rund 20 Hektaren). Agu und Helgi gehörten zu den Biolandbau-Pionieren. Drei Hektaren Kartoffeln werden angebaut, Getreide vorwiegend zur Selbstversorgung und für die Fütterung, Freilandschweine und vier Kühe werden gehalten. Damit kann die Hälfte des Einkommens für eine Familie erarbeitet werden. Die andere Hälfte kommt aus der mechanischen Werkstatt und der Sägemühle. Richtig: Es wird sehr viel gearbeitet auf dem Betrieb.

Die Biobäuerin Helgi Saar mit einem Ferkel für die Freilandhaltung: Ein Viertel ist Wildschwein eingekreuzt.

Bald kommen EU-Normen

Die Milch wird zu Frischkäse verarbeitet. Etwas Brotverkauf gehört ebenfalls zum Versuch einer zusätzlichen Wertschöpfung. Der bevorstehende EU-Beitritt bereitet Agu und Helgi aber einiges an Kopfzerbrechen: „Die hygienischen Vorschriften für die Käseproduktion sind so hoch, dass wir wohl werden darauf verzichten müssen. Ärgerlich ist auch, dass Brot nur in einer Aluschüssel gemacht werden darf, wir sind überzeugt, dass das Besondere unseres Brotes auch der Zubereitung in der Holzschüssel zu verdanken ist.“

Besonders attraktiv ist die Freilandschweinehaltung, welche mit einer Kreuzung von Wildschwein mit Duroc und Hamshire gemacht wird. Auch hier wird wohl noch einiges an Investitionen auf den Betrieb zukommen, Geld, das kaum vorhanden ist. Bei den aktuellen Preisen ist die Schweinehaltung in dieser Art nur ein Hobby. Schweinefleisch ist in Estland aber sehr beliebt, und es dürfte sich ein Markt für qualitativ hochwertige Produkte entwickeln. Zurzeit wird fast ausschliesslich in Intensivmast produziert.


Bioprodukte kaum zu finden

Beim Marketing gebe es noch viel Arbeit, meint Merit Mikk. Man finde die Bioprodukte kaum in den Läden, am ehesten in der Direktvermarktung, bei Belieferung von Hotels und Schulen. Viele Produkte gehen noch in die konventionellen Kanäle. Ob sich ein Markt im ländlichen Raum aufbauen liesse, weiss die Bioberaterin nicht. Jedenfalls belegten Studien eine zunehmende Nachfrage im urbanen Raum.

Die Rolle des Staates beim Aufbau des Biolandbaus war nicht gerade sehr aktiv. Das Interesse scheint sich in Grenzen zu halten. Im staatlichen Jahresbericht 2002 stand jedenfalls kein Satz zum Biolandbau. Die universitäre Ausbildung diesbezüglich ist inexistent. In der Forschung wurden einige begonnene Studien wegen Geldmangels wieder aufgegeben. Der geplante EU-Beitritt könnte diesbezüglich aber Positives bewirken. 


Chance Ökotourismus

Auch bezüglich der Agrarumweltprogramme kommt die Regierung unter Druck, weiter aktiv zu werden. Pilotprojekte dazu gibt es, ein sehr interessantes im Matsalu-Naturpark, im Westen des Landes. Die Ostseeinsel Saaremaa könnte eine weitere Chance für Biolandbau mit Betriebszweig Ökotourismus sein. Saaremaa ist nicht nur ein Schwerpunktsgebiet der Biobetriebe, sondern auch ein Hotspot der Biodiversität. Damit haben die Bauern dort eine zusätzliche grosse Chance: Naturwerte verkaufen. Ökotourismus ist hier nicht nur ein Schlagwort. Vielfältige Wiesen und Weiden, verschiedenste Wälder, abwechslungsreiche Meeresküste: Es gibt viel Schönes und Interessantes kennen zu lernen. 


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Letzte Änderung: 23. November 2003