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Studienreise nach Bulgarien – Natur aus Bauernhand


Die meisten Mitteleuropäer wissen von Bulgarien nicht viel mehr, als dass es eines der ärmsten Länder Europas ist. Tatsächlich beträgt das Bruttosozialprodukt pro Kopf der bulgarischen Bevölkerung nur gerade 1200 US-$ – rund dreissigmal weniger als in der Schweiz. Wenig bekannt ist dagegen, dass die Landschaft Bulgariens zu den schönsten Europas gehört und die BulgarInnen überaus herzliche, freundliche Menschen sind. Eigentlich wären das ideale Voraussetzungen für einen sanften Tourismus, doch die nötige Infrastruktur ist noch wenig entwickelt.


Weidelandschaft im Balkangebirge Dank traditioneller, extensiver Landnutzung ist die Kulturlandschaft Bulgariens, hier im Balkangebirge, sehr artenreich. Dies wäre eine sehr gute Voraussetzung für einen sanften Tourismus.

Bulgarien ist knapp dreimal so gross wie die Schweiz. Im Norden erstreckt sich die ausgedehnte, fruchtbare Donau-Tiefebene, gegen Süden wird das Land zunehmend gebirgiger. In Zentralbulgarien verläuft das Balkangebirge von West nach Ost und bildet eine markante Wetterscheide zwischen dem kontinental beeinflussten Norden und dem milderen, unter Mittelmeereinfluss stehenden Süden. Südlich des Balkan-Gebirges dehnt sich die Thrakische Ebene aus, die zur griechischen Grenze hin durch das gegen 3'000 m hohe Rhodopen-Gebirge abgegrenzt wird.

Die ausgedehnten Ebenen werden grossenteils landwirtschaftlich genutzt. In kommunistischer Zeit wurden sie von riesigen Staatsbetrieben intensiv bewirtschaftet. Nach der Wende zerfielen die meisten dieser Kolchosen, und grosse Ländereien fielen brach. 

Die Umwandlung der Staatslandwirtschaft in eine private, kleinerstrukturierte gestaltet sich schwierig. Es gibt kaum Mittel für die notwendigen Investitionen. Pferdewagen in Kolchose

Unterdessen sind kleine Bauernbetriebe entstanden, die einen Teil des Landes wieder nutzen. Rund 1,9 Mio. Landwirtschaftsbetriebe gibt es in Bulgarien, wovon 3/4 fast ausschliesslich Selbstversorgung betreiben. Die Umwandlung der staatlichen in eine private Landwirtschaft ist schwierig. Gegenwärtig arbeitet mehr als ein Viertel der bulgarischen Bevölkerung in der Landwirtschaft. In dieser Zahl ist aber auch ein rechter Anteil Arbeitslosigkeit versteckt. Die Nahrungsmittelproduktion hat wieder etwa 2/3 des Wertes aus kommunistischer Zeit erreicht. Die ökonomische Situation insbesondere der Kleinbauern ist schlecht. Vor allem Randregionen haben deshalb unter starkem Bevölkerungsschwund und einer Überalterung zu leiden, und es lassen sich nur wenige innovative Junge finden, die ihre Zukunft in der Landwirtschaft suchen. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in den hügeligen und gebirgigen Gegenden, zum Beispiel im Gebiet von Majarovo im Südosten des Landes, unserem ersten Reiseziel.


Keine Geier ohne Bauern


Majarovo liegt in den Ostrhodopen nahe der griechischen und türkischen Grenze. Durch die Lage in Grenznähe, die grossenteils hügelige und gebirgige Landschaft und den einst florierenden Bergbaubetrieb wurde hier in kommunistischer Zeit die Landwirtschaft nie gefördert und intensiviert. So hat sich eine extensive, mehrheitlich auf Selbstversorgung ausgerichtete, kleinbäuerliche Landwirtschaft erhalten. Neben extensiver Weidewirtschaft mit Schafen und teilweise Rindern wird auch Ackerbau betrieben.

Flusslandschaft Arda Die Randregionen Bulgariens drohen zu verbrachen. Mittelfristig würde damit auch die heute riesige Artenvielfalt abnehmen.

Die verbreitetsten Kulturen sind Weizen und Mais. Daneben werden für den Export auch Tabak, Wein und verschiedene Nischenprodukte wie Sesam angebaut. Viele der kleinen Äcker werden noch heute wie in früheren Jahrhunderten ohne Maschinen- und Hilfsstoffeinsatz bewirtschaftet.

Die extensive, kleinräumige Landnutzung hat nicht nur eine Kulturlandschaft von einmaliger Schönheit geschaffen, sondern auch Lebensräume mit einer ausserordentlichen Artenvielfalt ausgebildet. Durch den Blütenreichtum im Frühling präsentieren sich Weideflächen und Brachfelder in einzigartiger Farbenpracht.

Die Artenvielfalt in den Rhodopen ist riesig. Haberlea rhodopensis ist eine der vielen Pflanzenarten, welche nur gerade hier vorkommen. Haberlea rhodopensis

Überall wimmelt es von verschiedensten Schmetterlingen und anderen Blütenbesuchern. Besonders bekannt geworden ist die Gegend von Majarovo durch ihren Reichtum an seltenen Vogelarten, unter anderem verschiedenen Greifvögeln. So leben hier nicht nur Adlerbussarde, Stein-, Kaiser- und Zwergadler, sondern auch alle vier europäischen Geierarten: Bart-, Schmutz-, Mönchs- und Gänsegeier.



Die Zukunft der Geier hängt stark zusammen mit der Zukunft der Landwirtschaft. Schafe sind eine entscheidende Nahrungsgrundlage für die Geier. Verendete Tiere werden von ihnen in kurzer Zeit beseitigt. Dadurch spielen sie eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizisten, können aber nur überleben, wenn genügend Aas anfällt. Eine Bedeutung hat diesbezüglich auch der Wolf, der in den unwegsamen, waldigen Tälern häufig vorkommt. An den Überresten seiner Beute finden sich Geier oft in grosser Zahl ein. Das kann für die grossen Vögel aber fatal sein. Oft schon ist vorgekommen, dass Bauern illegal mit Strichnin behandelte tote Schafe ausgelegt haben, um die Wölfe zu bekämpfen. Wird ein solcher Köder von Geiern gefunden, können sich 20 oder mehr Vögel vergiften. Weidetiere in der Landschaft signalisieren das potentielle Vorkommen von Aas. Nur wenn es gelingt, die traditionelle Landwirtschaft mit ihrer extensiven Weidewirtschaft aufrecht zu erhalten, wird es möglich sein, die grossartige Biodiversität des Gebietes mit den Adlern und Geiern am Ende der Nahrungspyramide erhalten zu können.

ziehende Schafe Weidende Schafe sind eine Augenweide, haben aber auch eine entscheidende Bedeutung für das Vorkommen von Geiern: als Appetitanreger.

Aus diesem Grund wurde in den 90er Jahren mit westlicher Unterstützung das Projekt NICCER (Nature Information and Conservation Center „Eastern Rhodopes“) in Majarovo ins Leben gerufen. Es hat zum Ziel, die Artenvielfalt der Ostrhodopen nachhaltig zu sichern und die kulturelle Tradition der lokalen Bevölkerung der Nachwelt zu erhalten. Beides lässt sich nur erreichen, wenn die ökonomische Situation der Bevölkerung verbessert werden kann und attraktive Zukunftsperspektiven das Aufgeben der Landwirtschaft und das Abwandern der Jungen bremsen. Neben der Förderung der Landwirtschaft wird auch dem Ökotourismus eine grosse Bedeutung beigemessen. Tatsächlich könnte die grossartige Landschaft der Ostrhodopen ein attraktives Ziel für Westeuropäer werden, die keinen Rummel, sondern Ruhe, Erholung und spannende Naturerlebnisse suchen. Bemühungen in diese Richtung sind am Laufen, eine regionale Abstützung ist am Wachsen.


Herausforderungen für die Landwirtschaft


Was sind nun die Probleme, mit denen sich die Landwirtschaft konfrontiert sieht? Sicher einmal ist das bereits erwähnte Strukturproblem riesig. Unrentable Grossbetriebe, nach industriellen Grundsätzen konzipiert, mit spezialisierten Arbeitern, deren Interesse an der Landwirtschaft gering ist, die sich ihr Überleben mit einer parallel laufenden Kleinstlandwirtschaft zur Selbstversorgung sichern, stellen den Ausgangspunkt in der Landwirtschaft nach der Wende 1990 dar. Für die notwendige Privatisierung fehlt nun aber ein Finanzierungssystem für Investitionen. Für Gebäude, Maschinen, Saatgut und vieles mehr braucht es Geld, bevor ein Ertrag erwirtschaftet werden kann. In einer Volkswirtschaft, in der nur wenig Kapital vorhanden ist, fehlt Kaufkraft. Insbesondere Milchprodukte und Fleisch werden nur zurückhaltend nachgefragt, entsprechend gibt es für die Hauptprodukte der Landwirtschaft keinen Markt. Die aktuell etwas zunehmende Nachfrage in Bulgarien führt aber nicht automatisch zu Absatzmöglichkeiten, müssen doch zuerst Strukturen von Grund auf neu aufgebaut werden. Dann die Ausbildung: Die spezialisierten Kolchosemitarbeiter von einst sind keine Bauern in unserem Sinne, keine engagierten Unternehmer mit Gefühl für den gesamten Betrieb und mit Fähigkeiten in verschiedensten Bereichen. Das Verschwinden des Bauernstandes in kommunistischer Zeit dürfte eine der grössten Hypotheken für die Neuorientierung der Landwirtschaft sein. Agrarpolitisch müssen zudem Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche ein Engagement für die Landwirtschaft ermöglichen: Nebst geeigneten Kreditsystemen braucht es hier vor allem einige Klärungen im Bereich des privaten Grundeigentums.
Diskussionen mit Bauern deckten die Schwierigkeiten der Bulgarischen Landwirtschaft auf: Technikeinsatz ist dabei ebenso zentral wie Ausbildungsfragen. Reisegruppe mit einheimischem Bauer



Neuorientierung mit Biolandbau


Das FiBL, Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick, hat die Herausforderungen angenommen und arbeitet an einem Projekt im zentralen Balkangebirge an der Lösung dieser Fragen (Development of Sustainable Agriculture in the Region of Central Balkan Range). Ausbildung und Kredite an die Bauern zeigen Wirkungen. Am Beispiel zweier Landwirtschaftsbetriebe konnten wir dies anschauen und diskutieren. Aktivitäten in Richtung Markt mit dem Gütesiegel Bio brauchen weitere Anstrengungen. Insbesondere braucht es Investitionen in eine Zertifizierung, um die Produktequalität glaubwürdig kommunizieren zu können. Inwiefern Märkte im Ausland mit Spezialprodukten erschlossen werden können, wird ebenfalls abgeklärt. Der Betrieb in Comen, den der ehemalige Maschinenführer der dort ansässigen Kolchose mit seiner Familie übernommen hat, gab uns einige Hinweise, in welche Richtung es gehen könnte. Mit dreissig Kühen wird qualitativ hochwertige Milch produziert, dies dank Investitionen in den Futterbau und in die Tierhaltung. Daneben wird grossflächig eine extensive Weidemast betrieben, welche insbesondere auch positive Effekte auf die Artenvielfalt und die Landschaft hat. Dies wiederum ist die Grundlage für einen sanften Ökotourismus. Das Naturerlebnis mit der anschliessenden Bewirtung auf diesem Betrieb zeigten uns das touristische Potenzial auf.

Fünfzehn an Landwirtschaft, Naturschutz und schönen Landschaften interessierte TeilnehmerInnen erlebten zehn spannende, aber auch beschauliche Tage in den schönsten Landschaften Zentral- und Südostbulgariens. Die Diskussionen mit lokalen Experten über aktuelle Probleme von Landwirtschaft und Naturschutz in Bulgarien waren lehrreich.



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Letzte Änderung: 27. August 2003